Barcode versus RFID oder last euch von den True Lies nicht verwirren


Wieder halte ich bei uns in Pirmasens die Identifikation-Vorlesung. Leider sah ich mich gezwungen meine eigene Seite Identifikation.info abzuschalten. Einfach zu alt, um sie nachträglich DSGVO-konform zu machen, Mist! Aber es gibt ja das Webarchiv.

Webarchiv: identifikation.info [1]

Nun zu Barcode vs. RFID:

Der Barcode ist die maschinenlesbare Schrift schlechthin, effizient, flexibel, standardisiert und überall einsetzbar. Aber die Apologenten der Radio-Frequency Identification RFID sehen das natürlich anders. Ein schönes Beispiel habe ich mal rausgesucht. Stefan Bierwisch schreibt in seiner Diplomarbeit 2013 [2].

"Die Vorteile von RFID sind in Vergleich (zum Barcode) vielfältig. Auf einem Transponder können viel mehr Daten gespeichert werden. Eine automatische Pulkerfassung ist möglich, beim Barcode dagegen muss jeder einzeln und oft manuell gescannt werden, was erheblich Einfluss auf die benötigte Zeit hat. Dies muss auch aus einer Entfernung von maximal 50 Zentimeter erfolgen, wohingegen RFID-Transponder eine Reichweite von bis zu 15 Metern besitzen. Auch ist der Barcode sehr empfindlich gegenüber Verschmutzung oder Nässe, welches den Transponder nicht beeinflusst. Dieser kann sogar unter einer Abdeckung gelesen werden. Dies stellt einen entscheidenden weiteren Vorteil dar, ein Barcode benötigt eine Sichtverbindung zum Lesegerät. Ist diese nicht gegeben, führt dies zum Totalausfall. Ein weiterer Vorteil kann sein, dass bestimmte Transponder die Fähigkeit beitzten, wieder neu beschrieben zu werden oder auch Daten zu ergänzen, was beim Strichcode nicht möglich ist."

Das, was wir dort lesen ist verbreitet im Kontext Barcode vs. RFID. 
True lies, im Prinzip wahr aber eben nicht wirklich.

Barcode ist und bleibt die Basistechnik für Auto-ID.
Ich kenne kein Projekt, dass zwingend RFID brauchte.




Frage an Radio Eriwan: Sind Transponder besser als Barcodes?
Radio Eriwan: Nur wenn man unsichtbare Funkwellen mehr als Licht mag.

Hinterfragen wir also mal die einzelnen Aussagen

  • "Auf einem Transponder können viel mehr Daten gespeichert werden."
    Das kommt drauf an: Der Aztek-Code auf der Bahnfahrkarte speichert mehr Daten als ein EPC
  • "Eine automatische Pulkerfassung ist möglich" bei Transpondern.
    Nur, wenn ein entsprechendes Antikollisionsprotokoll implementiert ist.
  • "Beim Barcode dagegen muss jeder einzeln und oft manuell gescannt werden."
    Klar, da stehen beispielsweise im Flughafen an der Fördertechnik Leute, die alle Koffer von Hand scannen. Wohl ein Scherz!
  • "was erheblich Einfluss auf die benötigte Zeit hat."
    Auch Transponder werden einzeln gelesen, das regelt das passende Antikollionsverfahren.
  • "Dies muss auch aus einer Entfernung von maximal 50 Zentimeter erfolgen,"
    Das hängt im Wesentlichen von der Optik der Scanners ab. Scannen über ein Dutzend Meter ist kein ernstes Problem.
  • "wohingegen RFID-Transponder eine Reichweite von bis zu 15 Metern besitzen."
    nur bei UHF und Mikrowelle. Bei den induktive Systemen geht das nicht so weit.
  • "Auch ist der Barcode sehr empfindlich gegenüber Verschmutzung"
    Im Prinzip ja, wenn man mehr verschmutzt als wieder rausgerechnet werden kann; schon mal was von Fehlerkorrektur gehört?
  • "oder Nässe,"
    Im Prinzip ja, wenn man auf Papier druckt, warum sollte man Papieretiketten benutzen, wenn sie nass werden?
  • "welches den Transponder nicht beeinflusst."
    Nur wenn die Verschmutzung den Funk nicht stört. Wasser ist dielektrisch und stört auf jeden Fall.
  • "Dieser [Transponder kann sogar unter einer Abdeckung gelesen werden."
    Nur wenn die Abdeckung den Funk nicht stört, d.h. transparent im Frequenzband ist. 
  • "..., ein Barcode benötigt eine Sichtverbindung zum Lesegerät."
    Durch Metallgitter kann man problemlos durchsehen aber nicht durchfunken, sonst wäre eine Mikrowelle echt gefährlich.
Einige RFID-Systeme können neu beschrieben werden. Das kann nützlich sein. Aber auch Barcodes können dynamisch auf Displays dargestellt werden (schon in den 90ern mit LCD-Displays), was jeder mit der Handyfahrkarte der Bahn selbst tut. Inzwischen sind elektronische Preisschilder sog. e-shelf-label problemlos verfügbar.[selber googeln]  

Betrachtung der Sprache

Ich gehe davon aus, dass der Autor und sein Gutachter beide den True Lies aufgesessen sind.

Letzlich bleibt unklar wovon Bierwisch schreibt. Der Barcode, der Transponder, was genau ist gemeint? Klassische eindimensionale Codes? Welche Symbologie, mit oder ohne Fehlersicherung? Welche Frequenz hat der Tag? Wie ist die e/m-Situation in der Umgebung?

Was sind viele Daten, 1 kB ein TB? Warum werden manuelle Prozesse (Barcode) mit automatischen, (RFID) verglichen? Wie oft ist denn oft? Was ist erheblicher Einfluss? Warum sind große Entfernungen per se gut? Wie ist empfindlich definiert und wie ändert sich dann die Erstleserate?

Alles Wischiwaschi und es wird listig, sorry lustig, zusammen gemischt. Und aus Halbwahrheiten und unscharfen Begriffen kann eben gefolgert werden, was einen in den Kram passt. Und so werden verbreitete Mythen tradiert!

Quellenbewertung

Nun mag man sagen, "das war ja nur eine Diplomarbeit, nicht so wichtig." Nun zum einen hat er ein Buch ( ↪ Verlag) veröffentlicht, das von der Verwaltungs- und Wirtschafts-Akademie Göttingen auf der Hochschulwebsite beworben wird ( ↪ VWA Göttingen). Und ein Kollege hat die Arbeit mit 1,3 bewertet.

Sehen wir uns mal seine Quellen an: Stefan Bierwisch zitiert für den obigen Absatz K. Finkenzellers "RFID Handbuch" S. 8 und M. Auerbach "Trusted RFID" S. 48-49. Klaus Finkenzeller arbeitete von 1994-2017 für Giesecke&Devrient (   Profil) und Mirko Auerbach war Projektleiter im Projekt Trusted RFID ( ↪ Impressum). Welches Ziel verfolgt er mit diesen Personen für die Abwägung zwischen Barcode und RFID? Nun da mag sich jeder denken, was er will.  

Nun kann es ja sein, dass Bierwisch aus anderen Quellen seine Barcode-Kenntnisse gezogen hat, was seinem Korrektor bekannt war. Dann ist die Zitation eben nicht sauber. Aber wo sind diese Quellen? Selbst die Abbildung zum Aufbau des EAN-Barcodes hat er von Finkenzeller. Natürlich übernimmt er auch Finkenzellers Ungenauigkeiten in Bezug auf das ↪ Präfix jedes GS1-Codes.

Wenn es diese Barcode-Quellen gibt, dann hat Bierwisch sie nicht angegeben, was auf ein Plagiat hinauslaufen würde. Wenn es solche Quellen nicht gibt, dann sind die geschilderten RFID Vorteile einfach nur eine self fulfilling prophecy. Er findet eben, was er finden will.

Auch studentische Arbeiten können auf guten Quellen basieren. Christian Bauligs Bachelorarbeit ist da erheblich hochwertiger. Auch er neigt zu populären Verkürzungen, was ein wissenschaftliches No-Go ist. Aber er gibt eine ansprechende differenzierte Darstellung. Über einzelne Punkt kann man diskutieren. [3]

Nicht alles, was gedruckt ist ist auch korrekt. Einfach die Quellenarbeit des Textes untersuchen. Ist die Auswahl tendenziös? Wurden verbreitete Vorurteile repetiert? Sind alle Behauptungen gut belegt? Wie aktuelle sind die Quellen? Und das aller wichtigste Kriterium:

Benutze deinen gesunden Menschenverstand!   

Wie gut funktionieren RFID-Lösungen, wenn Naturgesetze ignoriert werden? Das alles ist simple Mittelstufenphysik. Mit Physik-LK und ~Diplom, da hab ich natürlich leicht reden. J.C. Maxwell ist auch schon lange tot. Aber solcher Mist wird immer wieder verbreitet.

Nachtrag 12.1.22

"Any sufficiently advanced technology is indistinguishable from magic." Arthur .C.Clarke

Damit keiner sagt das ist ´ne Ausnahme, wenn solch B..t gelehrt wird. Nein, das ist ein regelmäßiges Muster auch an unserer Hochschule, leider. Ich glaube es liegt daran, dass viele Betriebswirte glauben einfach alles zu können; auch mit ein paar Stunden Unterricht Technik zu durchschauen [4]. Immer wieder lustig, wenn ich mit simpler Physik die tollen Ideen ad absurdum führe; 

OK, damit macht man sich keine Freunde; Aber wir sind ja nicht auf dem Kindergeburtstag.
Denkt einfach daran, wer uns die gnadenlos, menschenverachtende Wirtschaft beschert hat. 

Quellen:

  1. Wölker M (2007-2017), "Automatische Identifikation", webpräsens. Essen [BibTeX] [URL]

  2. Bierwisch S (2013), "RFID Radio Frequency Identification: Grundlagen und Einsatzmöglichkeiten". Thesis at: Verwaltungs- und Wirtschafts-Akademie. Göttingen, April, 2013. [BibTeX]

  3. Baulig C (2014), "Nutzen und Potentiale von RFID als Nachfolgetechnologie des Barcodes". Thesis at: Universität Koblenz-Landau, Institut für Wirtschafts- und Verwaltungsinformatik. Koblenz, August, 2014. [BibTeX] [URL]

  4. Wölker M (2021), "Logistik: Nur Geschäft oder Technik?", Blog. Pirmasens, Germany, January, 2021. [BibTeX] [URL]

  5. 12,1,22, das war eine gute Quelle für Antikollisionsverfahren, wurde aber entfernt, sorry.
    RFID, das kontaktlose Informationssystem, Bundesnetzagentur 2010 ↪ Link - ⧉ PDF
    Ich werde mal was anderes raussuchen, oder eben auf meinen alten identifikation.info Seiten.

Kommentare