It´s a trap!

Big Data, Artificial Intelligence und Cyber physical systems in der Cloud

Ein Gastbeitrag von Ulla Tschötschel aus der Sicht einer Sozialwissenschaftlerin

und dann wurde es bei meiner Recherche noch verwirrender: Abkürzungsverzeichnisse zu IoT, IIoT, IIC, I4.0 …..und so weiter füllen Seiten von Büchern, Bachelorarbeiten, Positionspapieren und Werbekampagnen rund um das Internet der Dinge.und dann wurde es bei meiner Recherche noch verwirrender: Abkürzungsverzeichnisse zu IoT, IIoT, IIC, I4.0 …..und so weiter füllen Seiten von Büchern, Bachelorarbeiten, Positionspapieren und Werbekampagnen rund um das Internet der Dinge.


Und wie nun recherchieren, um mehr über die Effizienz der digitalen Transformation zu erfahren? Vielleicht sich aus einem ganz anderen Blickwinkel wie dem technischen nähern? Wo anfangen und welche Ordnung herstellen? Es ist fast erschlagend, eine Internetrecherche durchzuführen, um eine Struktur, Systematik oder einheitliche Klassifizierung der Begrifflichkeiten zur Digitalisierung zu finden oder zu erkennen. 

Revolution, Evolution, Transformation

Digitalisierung, digitale Transformation und Industrie 4.0 – diese Konzepte sind seit einigen Jahren von hohem Interesse, gleichzeitig aber auch in der Kritik mit der uneinheitlichen Verwendung und einer missverständlichen Abgrenzung.[1] Konzepte, Begrifflichkeiten und technische Anwendungen werden in nicht verständlichen oder nachvollziehbaren Kombinationen vorgestellt.

Geleitet von der Fragestellung: Was sind bereits vorhandene Erkenntnisse über die Effizienz und Effektivität der Unternehmen in der Umsetzung der digitalen Transformation unter den Rahmenbedingungen von Industrie 4.0, bleiben Ergebnisse offen und die gewünschten Erkenntnisse weitestgehend unbefriedigend. 

Industrie 4.0. wie auch Logistik 4.0 wurden 2017 als 4. Industrielle Revolution formuliert – und dies so als die erste Revolution, die in einer Vorannahme als solche deklariert worden ist! [2] Das heißt, basiert auf einer Annahme wird das Revolutionierende postuliert, aber auch verbunden mit einer quasi Verpflichtung zur Digitalisierung, Vernetzung in digitalen smart offices etc., die staatlich finanziell gefördert wird. Dabei bleiben vorab Analysen über deren Auswirkungen außen vor.

Wo sind die Studien zur Evidenz der Digitalisierung?

Auf der Suche im Internet (Google, Google Scholar) nach der Effizienz, dem Nutzen, Gewinn von IoT, Digitalisierung fehlen entsprechende aussagekräftige Studien. „Die gegenwärtigen Einschätzungen, Prognosen und Werturteile über Digitalisierung und Industrie 4.0 beruhen zum großen Teil auf Meinungserhebungen. Viele von ihnen sind interessengeleitet (z. B. solche von Unternehmensberatern). Sie enthalten zu-weilen Suggestivfragen, andere adressieren immer wieder gleiche Zeitzeugen. Wiederholt bleiben Rückfragen zu erklärungsbedürftigen Maßen (wie z. B. dem „Digitalisierungsgrad“) unbeantwortet. Es ist angezeigt, das Gewicht stärker auf Experimente im Labor (Simulationen) oder noch besser in der betrieblichen Praxis zu verlagern. Dadurch könnten Fehlentwicklungen früh analysiert und Lernprozesse eingeleitet bzw. beschleunigt werden.“ [3]

So wiederholen sich Prognosen, die als solche mehrfach wiederholen und oft in den Verben sind, auch in Hinblick darauf, was durch die Digitalisierung erreichen soll:

„So kann ein Unternehmen mithilfe des Internet der Dinge sein Portfolio flexibler gestalten und anbieten.“ [4]

„Ausgelöst durch Big Data und amerikanische Internetkonzerne wird diese Entwicklung durch die fortschreitende Digitalisierung aller Wirtschaftsbereiche befeuert. Auf hochleistungsfähigen Hard- und Softwareplattformen bieten die maschinellen Lernverfahren der KI das Instrumentarium, um aus großen Datenmengen komplexe Zusammenhänge zulernen, ohne explizit programmiert werden zu müssen.“ [5]
„In zukünftigen Wertschöpfungsnetzwerken werden daher digitale Prozesse der Vernetzung und Collaboration aller Beteiligten noch weiter an Bedeutung gewinnen und
damit einen wesentlichen Beitrag zum logistischen Erfolg leisten.“ [6]

Und wohin soll es führen?

Eine Studie von Forsa und Relayr zeigt die unterschiedlichen Erwartungen der Unternehmen an IIoT in der digitalen Transformation: Dabei wollen 53 Prozent Prozesse optimieren und so auch Kosten sparen, 47 Prozent erhoffen sich bessere und schnellere Entscheidungen aufgrund genauerer Daten. Befragt wurden 200 Entscheidungsträger in Unternehmen, veröffentlicht im April 2020. 94 Prozent gaben an, sich in einem Prozess der digitalen Transformation zu befinden. Gleichwohl befinden sich 27 Prozent in einer Phase der Maßnahmenplanung und 34 Prozent in der Phase der Erprobung des praktischen Ausprobierens von Maßnahmen und Wirksamkeit. Laut dieser Befragung sind 61 Prozent der Unternehmen in einer Erprobungsphase. [7] Dies ist erstaunlich, da Digitalisierung und die damit verbundenen Vorteile nicht „neu“ sind. Wieso also erst die „Erprobung“?

49 Prozent der Befragten nutzten IIoT- Technologien. Der Einsatz von IIoT wird begründet mit: Prozessoptimierung (24 Prozent), Effizienz (18 Prozent), Anforderungen des Auftraggebers oder Marktes (17 Prozent) und Modernisierung (15 Prozent). In Kenntnis der begrenzten Aussagekraft einer Umfrage im Rahmen einer Meinungsforschung ist die Annahme zulässig, dass Digitalisierung für Unternehmen nicht nur unter dem Faktor der Effizienz bedeutend ist. Wie auch mehrfach in der Literatur und auf Internetseiten zur Vermarktung von digitalen Produkten und Techniken anzutreffen, scheint die Wettbewerbs- bzw. Konkurrenzfähigkeit ein wesentlicher Faktor der digitalen Transformation für Unternehmen darzustellen und nicht die Effizienz für die Unternehmen. Ist das nicht reichlich irritierend?

Dem steht gegenüber: Industrie 4.0 wurde durch die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung eingerichtete Forschungsunion acatech geprägt. Der damit verbundene Transformationsprozess wurde 2011 von der Forschungsunion ex ante als vierte industrielle Revolution bezeichnet.[8] In der Betrachtung der Ausrufung einer „Industriellen Revolution“ stellt sich die Frage, warum kommt die Umsetzung in Unternehmen nur schleppend voran und was sind die entscheidenden Faktoren dies betreffend?

Folge der Spur des Geldes.

Geht es nicht um Kosteneinsparungen der Unternehmen, die es erforderlich machen, Absichtserklärungen der Digitalisierung zu analysieren, zu evaluieren? Digitalisierung ist erforderlich, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Reicht dieser Grund Unternehmen aus?

Bis 2017 wurden im Rahmen von Industrie 4.0. vom Wirtschaftsministerium fast eine halbe Milliarde Fördermittel angekündigt [9]. So drängt sich die Frage auf: Müssen Unternehmen Förderanträge stellen, um „mitzuhalten“? Was machen mittelständige Unternehmen, die die Umstellung auf digitale Prozesse nur zögerlich vollziehen können? Welche Technologien sind erforderlich, um Prozesse zu digitalisieren bzw. voranzutreiben? Und – inwieweit sind sie bereits vorhanden.

Bereits 1982 überwachten Informatikstudenten in Pittsburgh, USA, den Füllstand eines Getränkeautomaten über einen Vorläufer des Internets. Erste Haushaltsgeräte konnten 1990 bereits vernetzt werden, 1991 verbanden J. Romkey und S. Hackett während einer Konferenz einen Toaster mit dem Internet. Indem er online ein- und ausgeschaltet werden konnte, gilt er heute als das erste IoT Gerät. [4] Auch der Begriff RFID als passive RFID Tags war bereits 1999 beschrieben, wie auch der Begriff „Internet of Things“.

So wird eine Vielzahl von IT-Systemen, die in Betrieben schon lange funktionieren, sowie seit Jahren der Lehre einschließlich der Fach- und Lehrbücher und anderer Lehrmaterialien benutzt worden sind, erst im Zuge der „Digitalisierung“ und „Industrie 4.0“ als mögliche Innovationen dargestellt [10]. Die Frage ist berechtigt, inwieweit gibt es einen neuen technischen Fortschritt oder inwieweit werden vorhandene Erkenntnisse genutzt bzw. nicht genutzt, um effizient zu produzieren oder zu optimieren.

Und was bleibt

Die Irritationen sind groß, auffallend bleibt der Wildwuchs an Begrifflichkeiten, die unklare Abgrenzung, wer welche Interessen verfolgt im Rahmen von Marketing, Wirtschaftsinteressen oder Wissenschaft. Es scheint aufgrund der bisherigen Recherche angebracht, kritisch zu hinterfragen, wenn es heißt, dass Wissenschaft, Wirtschaft und Politik sich einig sind, dass die Wettbewerbsfähigkeit durch die digitale Transformation aufrechterhalten werden soll. 

Geht es um Wettbewerbsfähigkeit oder Effizienz? Und inwieweit sind Kostenersparnisse durch die Digitalisierung untersucht und analysiert? Sind die Herausforderungen und Ziele von allen Akteuren gleich und lassen „Modetrends“ eine fachkundige, gegebenenfalls abweichende Vorgehensweise zu?

Quellen

  1. Kersten W., Von See B., Indorf M. (2018), "Digitalisierung als Wegbereiter für effizientere Wertschöpfungsnetzwerke" Wiesbaden , pp. 103-104. Springer Gabler. [BibTeX] [DOI] [URL]
  2. Delfmann W., Kersten W., Stölzle W. ten Hompel M., Schmitt T. (2017), "Logistik als Wissenschaft –zentrale Forschungsfragen in Zeiten der vierten industriellen Revolution", Positionspapier.[BibTeX] [URL]
  3. Mertens P, Barbian D and Baier S (2017), "Digitalisierung und Industrie 4.0-eine Relativierung" Wiesbaden Springer Vieweg. [BibTeX] [DOI] [URL]
  4. N.n. Infineon (2022), "Alles, was Sie über das Internet der Dinge wissen müssen" [BibTeX] [URL]
  5. Hecker D., Döbel I., Petersen U., Rauschert A., Schmitz V., Voss A. (2017), "Zukunftsmarkt künstliche Intelligenzpotenziale und Anwendungen", Study. [BibTeX] [URL]
  6. Heistermann F., ten Hompel M., Mallée T. (2017), "Digitalisierung in der Logistik", Positionspapier. [BibTeX] [URL]
  7. Meitinger Therese (2021), "Digitalisierung: Deutsche Industrie setzt vor allem auf Industrial IoT", Logistik heute., April, 2021.[BibTeX] [URL]
  8. BmbF (2016), "Industrie 4.0", June, 2016. [BibTeX] [URL]
  9. Bremer Anne (2017), "Diffusion des Internet der Dinge auf die mittlere Beschäftigungsebene der Industrie" Bielefeld W. Bertelsmann Verlag. [BibTeX] [URL]
  10. Mertens P, Barbian D and Baier S (2017), "Digitalisierung und Industrie 4.0-eine Relativierung" Wiesbaden Springer Vieweg. [BibTeX] [DOI] [URL]

Hinweis zum Update vom 24.10.2022

Revidierte Fassung der △ ersten Version des Beitrags. Insbesondere hat Ulla Tscjhötschel neben redaktionellen Verbesserungen die Quellen noch mal gegen gecheckt und ins BibTeX-Format übertragen.

Martin Wölker - Licence CC BY-NC-SA












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